Die dmexco 2018. Ein kritischer Erlebnisbericht.

21. September 2018
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Foto: ©Koelnmesse

Als Agentur unterwegs auf der Leitmesse der digitalen Wirtschaft in Köln: warum wir enttäuscht waren, warum uns die Branche Bauchschmerzen bereitet – und warum wir trotzdem wiederkommen werden.

kernpunkt hat sich auch 2018 wieder auf den weiten Weg über den Rhein gemacht, um den, O-Ton,  „wichtigsten Hotspot der globalen Digitalwirtschaft“ zu besuchen.  Wir wollen uns nicht direkt zu Beginn über Superlative streiten. Fest steht: 41.000 Besucher, 1.000 Aussteller, 500 Speaker, das sind durchaus beeindruckende Zahlen. Wer den 12. und 13. September in den Kölner Messehallen verbracht hat, bekam dann auch wahrlich Gelegenheit genug, sich über die aktuellen Trends der Branche zu informieren.

Und, ja: Auch wir haben wieder einmal über unsere jeweiligen Tellerränder blicken und einiges von dem aufschnappen können, was die Hallen in diesem Jahr bewegte. Zum Beispiel die steigende Ausdifferenzierung im eCom-Bereich (auch wenn vor allem über die Größe des Spryker-Standes gesprochen wurde). Zum Beispiel die Buzzwords der Saison („KI“, „Voice Shopping“, „Influencer“, „Service Design“…). Und natürlich auch die Tatsache, dass PornHub da war und Würstchenwerbung auf der Damentoilette geschaltet hat.

Wir müssen allerdings bilanzieren: Den reinen Informationswert dieses Expo-Teils der Messe kann auch eine gute Auswahl von Blog-Subscriptions bieten. Und für wirklich intensiven Face-to-Face-Austausch ist die dmexco nach wie vor zu laut und zu voll.

spryker dmexco

Wer Ohren hat, zu hören

Nun bietet die dmexco aber bekanntlich auch den eher auditiven Lerntypen ein Format zum passiven Neuigkeitenkonsum: die Conference. Dieses Jahr mit einem bunten Programm aus politischen, wirtschaftlichen, technischen und methodischen Vorträgen und durchaus namhaften Speakern.

Allerdings zeigte sich recht schnell der insgesamt begrenzte Anspruch der Veranstaltung. Das ein oder andere politisch geprägte Panel war zwar immerhin für eine Message gut, doch bei den meisten Vorträgen fiel vor allem eines auf: Sie waren fast schon hemmungslos werblich. Nun gut, das „M“ in dmexco steht nicht für Marxismus-Leninismus. Aber es bleibt festzuhalten, dass selbst die hauptberuflichen Marketer im kernpunkt-Team keinen wirklichen Mehrwert aus der Conference ziehen konnten: zu oberflächlich wurden die Inhalte angeschnitten, zu sehr wurden die Lösungen und Dienstleistungen der Vortragenden angepriesen (apropos: Kaufen Sie Ihr Internet bei kernpunkt!). Und so ganz konnten wir uns des Eindruckes nicht erwehren, die Themen der meisten Vorträge auch schon mal woanders gehört zu haben, und zwar deutlich relevanter und fachlich tiefer ausgeführt – etwa auf dem OMR-Event in Hamburg.

dmexco 2018

Quo vadis, Leitmesse?

War denn nun alles schlecht in Köln? Nein. Jenseits der Haupthallen und großen Bühnen haben wir zumindest zwei sehr interessante Bereiche gefunden. Zum einen das Start-Up Village in Halle 5. Spannend, die Ideen der Branchennewcomer kennenzulernen, und sehr inspirierend, ihnen beim Pitch-Wettbewerb zuzuhören! Zum anderen die World of Agencies in der Halle 8. Natürlich ganz ohne Eigeninteresse halten wir es für keinen schlechten Einfall, einen Hub für die Macher der Digitalbranche einzurichten, in dem diese losgelöst von den Ständen ihrer Technologiepartner auftreten und sich präsentieren können.

Aber leider bleibt es wohl auch in 2019 dabei, dass ausgerechnet diese beiden authentischsten und lebendigsten Bereiche der dmexco an den Rand der Messe verbannt werden. Schade! Denn hier hat die Veranstaltung vielleicht das Potential, dem Eindruck der Oberflächlichkeit und der Beliebigkeit entgegenzuwirken, der sich in den großen Hallen breitzumachen droht. Natürlich ist die dmexco weder ein Start-Up-Event, noch eine Kundengewinnungsveranstaltung für Agenturen. Aber: Will die Messe weiter wachsen, sollte sie vielleicht an den Bereichen ansetzen, wo sie Fachbesuchern einen echten Mehrwert bieten kann.

Ein Event als Spiegel seiner Branche?

In diesem Sinne wollen wir zum Abschluss einen Vergleich wagen: Man könnte die dmexco als Spiegelbild der Digitalbranche verstehen. Groß, laut, selbstbewusst, erfolgreich. Und trotz Würstchenwerbung eindeutig erwachsen geworden. Aber inzwischen leider eben auch in geradezu störender Weise unauthentisch, oberflächlich, aufdringlich – und benutzerunfreundlich! Ein wirklich angenehmes oder gar nutzbringendes Erlebnis sieht anders aus.

Und wenn dieser Eindruck schon bei Brancheninsidern entsteht, wie muss das Ganze dann erst auf Außenstehende wirken? Etwa, ganz wildes Beispiel, die Leute, mit denen wir Geld verdienen wollen – unsere Zielkundschaft? Die in erhöhter Weise den Eindruck haben muss, dass sie eher geblendet als informiert wird und für sie potentiell nutzbringende Inhalte bestenfalls unverständlich, vielleicht aber überhaupt nicht vermittelt bekommt? Ist unsere Branche vielleicht ein wenig zu sehr an sich selbst berauscht, und droht sie, das Wesentliche aus dem Auge zu verlieren – den Nutzen des Nutzers?

Wir wollen es an dieser Stelle mit dem Orakeln nicht übertreiben und unseren Erfahrungsbericht lieber konstruktiv beschließen: Wir als Digitalagentur werden unsere Erfahrungen mit der diesjährigen dmexco zumindest nutzen, um unser eigenes Kommunikationsverhalten noch einmal kritisch zu überdenken. Und trotz allem: Wir werden den „Hotspot der globalen Digitalwirtschaft“ wohl auch 2019 wieder besuchen. Alleine schon, um zu sehen, in welche Richtung sich die Branche im kommenden Jahr wohl entwickelt haben wird. Denn, und das immerhin muss man ihr lassen: Der beste Ort für einen solchen Gesamteindruck ist und bleibt die dmexco.