Interview über Responsive Design: „Das setzt der Nutzer voraus“

14. November 2014
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Es wird Zeit, umzudenken. Online-Nutzer wählen anstelle eines Hauptkanals viele verschiedene Endgeräte für den Online-Zugriff. Dabei erwarten sie einen einheitlichen und auf ihre Nutzungssituation abgestimmten Online-Auftritt. Wie sollen Unternehmen auf diese Anforderungen reagieren?

Jan Eickmann ist Leiter der Strategie bei kernpunkt. Er erarbeitet und realisiert gemeinsam mit Art-Director Stefan Borchert und Frontend-Entwickler Thomas Fischer Konzepte für nutzerzentrierte Online-Auftritte. Im Gespräch geben Sie Antworten auf die Frage, inwiefern Responsive Design eine Lösung für die Nutzeranforderungen auf verschiedensten Endgeräten im Web sein kann.

Optimal: Wie stark wird Responsive Design derzeit von Unternehmen angefragt?

Jan: Bei neuen Projekten wird das Thema als selbstverständlich angesehen und wird nicht mehr explizit angefragt. Eigentlich ist Responsive Design ja erst einmal nur eine technische Lösung, um überhaupt auf mobilen Endgeräten präsent zu sein. Werden die Unternehmen genauer befragt, heißt die Anforderung eigentlich: „Wir müssen mobile Endgeräte bedienen“.

O: Muss bei dem responsiven Umbau von umfangreichen Websites nicht auf viele Inhalte verzichtet werden?

Stefan: Verzichten muss man in den seltensten Fällen. Viel wichtiger ist wirklich, dass der Nutzer eine auf sein Endgerät optimierte Darstellung erhält. Denn das setzt der Nutzer inzwischen auch voraus.

Jan: Ich glaube, es geht nicht um Verzichten. Die Frage ist weniger, was zeige ich mobil an, sondern wie priorisiere ich meine Inhalte mobil.

Was ist eigentlich Responsive Design?

Mit Responsive Webdesign werden die Inhalte einer Website dazu befähigt, auf die Darstellungsmöglichkeiten des Endgeräts zu reagieren. Die Anzeige ist dabei äußerst flexibel: Je kleiner der Bildschirm wird, desto reduzierter werden die Inhalte ausgegeben. Sogar die Platzierung einzelner Elemente, wie Boxen, Bilder und Textfelder, ändert sich automatisch. Das flexible Design lässt sich mit CSS3 umsetzen. Responsive Webdesign ist eine elegante und clevere Lösung, Webseiten flexibel auf die Nutzeranforderungen reagieren zu lassen. Sind es heute Laptop, iPhone und iPad, die Webseiten-Betreiber vor neue Herausforderungen stellen, sind es morgen vielleicht schon das Fernsehgerät oder viel kleinere Bildschirme, mit denen die Menschen im Internet surfen.

Wann ist Responsive Webdesign die richtige Wahl?

Gleich vorweg: Große Portalwelten und Websites mit komplexen Strukturen können nur schwer bis gar nicht mit Responsive Design gestaltet werden. Kleinere Seiten mit niedrigem Komplexitätsgrad hingegen eignen sich meist hervorragend dafür. Grundsätzlich sollte es sich um ein „Boxen-lastiges“ Design handeln. Klar abgegrenzte Elemente über alle Seiten hinweg sind leichter zu strukturieren und zu vereinheitlichen. Umfangreiche Portale sind mit einer separaten mobilen Website oder einer App besser beraten. Der Einsatz von Responsive Webdesign benötigt eine sehr genaue Planung. Es ist davon abzuraten,  ein bestehendes Design zu modifizieren. Vielmehr sollte zum Beispiel im Zuge eines Relaunchs im Vorhinein über die gesamte Überarbeitung des Designs nachgedacht werden.

Stefan Borchert kombiniert Design mit Funktion

O: Wobei ich mobil vielleicht noch ganz andere Fragestellungen habe als stationär.

Jan: Ja, da kann man sich drüber streiten. Ich glaube, so unterschiedlich sind die gar nicht. Klar gibt es gewisse Themen, die mobil noch mal relevanter sind als stationär. Aber machen die Leute mobil wirklich so viel anders auf den Seiten? Abgesehen davon, dass jemand eine Anfahrtsadresse oder ähnliches braucht – was mache ich denn mobil noch, was ich auf dem Desktop nicht mache? Ich schaue unterwegs ja nicht nur mal eben schnell etwas nach, sondern ich sitze auch zu Hause auf dem Sofa und recherchiere etwas.

O: Wie aufwändig ist die Umsetzung von responsivem Design?

Thomas: Das ist natürlich komplexer und man muss damit rechnen, dass das länger dauert als die Entwicklung einer nicht-responsiven Seite.

O: Wahrscheinlich macht es auch Sinn, im Zuge eines Relaunchs manche Funktionen zu überdenken?

Thomas: Das meiste lässt sich schon gut abbilden. Aber aufgrund des Platzmangels muss die Seite unter Umständen prägnant umgebaut werden. Tabellen zum Beispiel, die fest in der Breite sind, umbrechen zu lassen, sind eine wahre Herausforderung.

O: Das heißt, der Designer muss sehr gut überlegen, wie Inhalte dargestellt werden. Kann man sich überhaupt noch kreativ ausleben, wenn man sich bei der Gestaltung einer Website hauptsächlich auf die funktionale Komponente konzentrieren muss?

Stefan: Responsive Design hat nicht immer mit Reduktion zu tun. Ich habe schon einen gewissen Spielraum. Wir gestalten Webseiten ja nicht, um sie besonders bunt oder auffällig zu machen. Wir machen sie nutzbar. Das steht bei Responsive Design genauso im Vordergrund, wie für den Desktop-Rechner oder für jedes andere Endgerät.

„Das ist der Tod jeder Website.“

O: Unterscheidet sich die Entwicklung von responsivem und stationärem Design?

Stefan: Die Konzeptionsphase ist etwas länger, da alle Auflösungen im Blick behalten werden müssen. Ich muss mir überlegen, wie etwas an welchem Endgerät aussieht und wie sich alles verschieben kann. Ich brauche von vornherein einen Plan, wie sich die Website verhalten soll. Das dauert halt ein bisschen.

O: Für Laien: Wie funktioniert Responsive Design technisch?

Thomas: Wirklich geboren ist es erst mit den neuen Webtechniken, also HTML5, CSS3 und natürlich Javascript. In den neuen Versionen können Bedingungen hineingeschrieben werden, die auf Eigenschaften der Geräte des Nutzers reagieren können.

Thomas Fischer kennt die technischen Kniffe bei responsiven Webseiten

O: Das heißt, Du musst alle möglichen Auflösungen berücksichtigen, die theoretisch abgefragt werden können?

Thomas: Wir arbeiten mit Breakpoints, meist mit vier verschiedenen Auflösungen. Wir bauen quasi vier Versionen der Website.

Jan: Eigentlich sind das Auflösungsbereiche.

Thomas: Ja, zum Beispiel 0 bis 480 Pixel, 481 bis 768 Pixel, 769 Pixel bis 980 Pixel, 981 Pixel bis unendlich.

O: Führt responsives Design zu längeren Ladezeiten?

Thomas: Auf jeden Fall. Zwei Drittel der responsiven Seiten, die es derzeit gibt, sind einfach untauglich. 70% der Seiten benötigen über vier Sekunden Ladezeit, teilweise sogar bis zu 80 Sekunden. Das ist natürlich der Tod jeder Website. Da muss optimiert werden.

Jan: Mobiltauglichkeit heißt ja nicht nur, die Website funktioniert auf jedem Endgerät, sondern sie funktioniert auch bei schlechter Verbindung, irgendwo im Wald, mitten auf dem Feld. Die 100 MBits, die man in der Stadt vielleicht hat, sind ja nicht überall Realität. Da geht es dann genau um diese Ladezeit. Die Seiten müssen entsprechend gebaut werden, um sie mit guten Ladezeiten auszustatten.

„100 Mbits sind nicht überall Realität.“

Thomas: Klassisches Beispiel ist ein Bühnen-Slider am Kopf einer Seite. Wenn man für den Zugriff mit dem mobilen Device kleinere Bilder zur Verfügung stellt, hat man die Ladezeiten direkt schon prägnant reduziert.

Stefan: Damit haben früher vor allem die großen Marken zu kämpfen gehabt. Wenn Du Dir vorstellst, dass sich zum Beispiel der Hersteller einer Schokolade emotional präsentieren will, geht das natürlich maßgeblich über Bilder. Dann kann Responsive Design ein entsprechendes Problem darstellen, wenn nicht an die Details gedacht wird.

Der Nutzer steht bei Jan Eickmann immer im Mittelpunkt

O: Wobei sich hier auch wieder die Frage stellt, ob der Nutzer überhaupt emotional abgeholt werden soll, oder ob in dem Moment nicht reine Produktinfos ausreichen.

Jan: Ich glaube, das zwingt uns noch mehr dazu, uns Gedanken darüber zu machen, wer die Seite in welcher Lebenslage nutzt.

Stefan: Der Zweck steht letztendlich noch viel stärker im Fokus. Was will ich mit meiner Website erreichen? Und das kann auch am Desktop oder am Handy dasselbe sein, das muss sich nicht zwangsweise unterscheiden.

O: Welchen Tipp gebt ihr Unternehmen mit auf den Weg, die kurz vor einem Relaunch stehen?

Jan: Sich von der Vorstellung lösen, der Nutzer sitzt nur an einem Gerät. Responsive Design ist für viele Websites eine gute Lösung, aber nicht für alle. Im B2B-Umfeld greifen derzeit übrigens auch rund 10% der Nutzer mobil zu, also auch da ist es eine wichtige Überlegung.

Das Interview finden Sie auch auf den Seiten 6-9 in der Ausgabe 03/2014 unseres Kundenmagazins Optimal.

Ihr Ansprechpartner:
Jan Eickmann
Leitung Strategie
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