Digitale Marketing Suite – Oder: Die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau

16. Mai 2017
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Es klingt verlockend: Eine Software-Technologie für alle zentralen Herausforderungen im digitalen Marketing, Vertrieb und Online-Kommunikation. Eine Suite, die mit ihren Modulen alle Anforderungen erfüllt, vollständig integriert und somit schnell und einfach eingeführt werden kann.

Aktuell entwickelt sich der Software-Markt im Bereich CMS, E-Commerce und Digital Experience immer weiter in diese Richtung: Große Anbieter wie SAP (mit hybris für PIM, E-Commerce und CMS), Adobe mit seiner Marketing Cloud (von Analytics, über Marketing Automation bis CMS), Sitecore (von Content Management bis Commerce) oder Kentico (CMS, E-Commerce, Online-Marketing) und Episerver (Digital Content, Commerce und Marketing) versprechen mit ihren Ansätzen, eine Suite für alle Aufgaben liefern zu können.

Doch ist der Suite-Ansatz der richtige Weg, um erfolgreiche Digitalisierungsinitiativen vorantreiben zu können? Um diese Frage zu beantworten, sollen sich Entscheider folgende Fragen beantworten:

Gibt es in meinem Unternehmen bereits etablierte und akzeptierte Lösungen?

„Never touch a running system“ heißt es und diese Regel gilt insbesondere, wenn Sie vor der Umsetzung großer Digital-Projekte stehen. Die Realisierung einer E-Commerce-Plattform, der internationale Roll-Out einer Corporate Webseite, die Entwicklung personalisierter Online-Plattformen: All diese Projekt binden umfassende Ressourcen und sind für sich bereits komplex und herausfordernd. Wenn Sie im gleichen Zuge noch ein PIM austauschen, ein neues Shop-System einführen oder eine Reihe von Online-Marketing Tools ersetzen wollen müssen, so steigt das Risiko eines Scheiterns Ihrer Projekte enorm. Daher sollten Sie bei der Entscheidung für eine Suite berücksichtigen, welche Systeme bereits etabliert und eingeführt sind.

Bietet mir die Suite offene Schnittstellen, um zukünftige Anwendungen zu integrieren?

Angeknüpft an die Frage nach bereits etablierten Systemen stellt sich direkt die nächste nach der Integrationsfähigkeit der ausgewählten Suite: Logischerweise haben Suite-Anbieter ein geringeres Interesse daran, ihre Plattformen für Dritt-Systeme zu öffnen. Daher sollte die Kompatibilität und Interoperabilität der Systeme geprüft werden. Bietet die Suite offene, dokumentierte und wartbare Schnittstellen, um – und sei es nur für eine Übergangsphase – existierende Backend-Systeme anzubinden und zu integrieren. Zudem sollte geprüft werden, ob die Anbindung der zu ersetzenden Systeme an weitere Systeme weiterhin möglich ist: Konkret bedeutet das, dass vorhandene Schnittstellen – beispielsweise zwischen einem existierenden PIM und Ihrem ERP oder zwischen dem Shop und dem CRM – neu entwickelt werden müssen.

Können alle Bedarfsträger ihre Anforderungen mit der Suite abbilden?

Funktional bietet eine Suite auf den ersten Blick eine Menge: Doch können die einzelnen Komponenten mit spezialisierten Tools und Software-Technologien mithalten? Für die Anforderungen im Online-Marketing mögen die Funktionen beispielsweise ausreichend sein – doch bietet die Suite im Bereich E-Commerce oder PIM ebenfalls den notwendigen und geforderten Funktionsumfang? Können mittelfristig bestehende Systeme durch die Suite abgelöst werden, ohne dass die Nutzer große funktionale Abstriche machen müssen. Und können die Prozesse – sowohl interne als auch externe – mit der Suite so abgebildet werden, wie sie aktuell im Unternehmen etabliert sind?

Und Sie sollten einen Blick in die Zukunft wagen: So mag die Suite ihre aktuellen und zukünftigen Anforderungen im Bereich Digitales Marketing beispielsweise vollständig abdecken; die Roadmap für E-Commerce Module hingegen kann mit spezialisierten Systemen oder der internen Planung nicht mithalten; so steht schon morgen die Frage im Raum, ob Teile der Suite wieder ersetzt werden müssen.

Überzeugt eine Suite in den einzelnen Modulen?

Aus technologischer Sicht sind Suiten eine interessante und sinnvolle Lösung: Alle Daten werden über eine Lösung verwaltet und vollständig integriert. Aber sind die einzelnen Module in puncto Usability, Prozesse und Funktionen auch überzeugend? Häufig haben Suite-Anbieter ihre Plattformen durch Zukäufe erweitert und Drittsysteme integriert. Hierfür müssen verschiedene Welten, Oberflächen und prozessuale Ansätze integriert werden. Dies haben die Suite-Anbieter unterschiedlich gut und erfolgreich gelöst – daher sollte dieser Aspekt aus Anwendersicht betrachtet und geprüft werden.

Entsteht ein langfristiger funktionaler Overhead, der betrieben und bezahlt werden muss?

Suite-Lösungen erscheinen auf den ersten Blick häufig günstiger, da zum einen nur ein System lizenziert und betrieben und zum anderen mit einer Investition mehrere Projekte bedient werden können. Aber mit der Entscheidung für eine Suite müssen ggf. von Beginn an Module, Komponenten oder Schnittstellen lizenziert oder entwickelt werden, die zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht benötigt werden. Auch die Kosten für den Parallelbetrieb von Systemen, die mit Einführung der Suite noch nicht unmittelbar abgelöst werden, sollten in der Gesamtkostenbetrachtung berücksichtigt werden.

Begebe ich mich in eine strategische Abhängigkeit zu der entsprechenden Lösung?

Bei der Entscheidung für eine Suite binden Sie sich und Ihr Unternehmen langfristig an einen strategischen Technologie-Partner: Das kann klare Vorteile haben und insbesondere bei großen Herausforderungen in der Digitalisierung auch ein sinnvoller Weg sein. Allerdings sollten Sie sich über die strategische Ausrichtung des Anbieters ein klares Bild machen. Insbesondere die führenden, großen Technologie-Anbieter haben eine klare Strategie, wohin die Reise gehen wird. Zukäufe weitere Technologien zwingen Sie möglicherweise in Zukunft weitere Software-Lösungen durch die Suite zu ersetzen. Denn jeder Suite-Anbieter hat am Ende auch ein wirtschaftliches Interesse, seine Kunden langfristig zu binden und mit neuen Software-Modulen zu versorgen.

Wenn Sie diese Fragen aus Ihrer Sicht beantworten können, werden Sie die Entscheidung, ob ein Suite-Ansatz für Sie passt, besser treffen können. Für welchen Weg Sie sich entscheiden, hängt am Ende vom digitalen Reifegrad Ihres Unternehmens und der strategischen Planung in der Digitalisierung Ihrer Prozesse ab.

Autor: Matthias Steinforth

Matthias Steinforth, Jahrgang 1980 und somit laut Definition Digital Native, ist Gründer und Geschäftsführung von kernpunkt und seit über 15 Jahren in der Digital-Branche aktiv. Als Teil der Strategieberatung von kernpunkt setzt er seine Schwerpunkte in den Themenfeldern Digitales Marketing, Digitalisierung in Marketing und Vertrieb, Nutzerzentrierung / User Experience und Software-Technologien (Fokus Content Management, Marketing Automation).